Verhinderte Hefte und Autoren

Die Konzeption der Reihe ›Poesiealbum‹ 1966/67 sah die Wiedergabe und Bewahrung progressiver, weltoffener Lyrik vor. Die Gründungsdokumente enthielten gemäß dem allgemeinen Staatsbekenntnis der DDR noch die Attribute: antifaschistisch, demokratisch und fortschrittlich; wobei dem jungen, sozialistischen Realismus ein Schwerpunkt, wie auch der freundschaftlichen Verbundenheit zu den sozialistischen Bruderländern gewidmet war. Besonders verpflichtet sollten sich die Verantwortlichen dem »Deutschen Erbe« (zB. Friedrich Rückert – Pa 246) bzw. dem »Proletarisch-revolutionären Erbe« (bspw. Friedrich Wolf – Pa 254) fühlen.
Dies beachtend (bei Strafe der Einstellung der Reihe) strebten die Macher zudem eine umfassende Aufnahme lyrischer Glanzleistungen und Besonderheiten und selbstverständlich auch international bedeutender Autoren in das Programm an.

Das gelang nicht immer.

Die Bindung der Reihe an den Verlag Neues Leben, der durch den Zentralrat der FDJ geleitet wurde, führte dazu, daß dessen Vorhaben zusätzlich zu der staatskonformen Überprüfung – wie alle Drucksachen in der DDR durch bestimmte Instanzen – vor ihrer endgültigen Beantragung durch den Verlag innerbetrieblich begutachtet und manche abgelehnt wurden.

 

 

Sowohl Herausgeber bzw. Lektoren der Reihe bis zum Verlagsleiter mußten bei dieser mehrstufigen Prozedur mehrfach Eingriffe oder Absagen an vorgelegte Projekte erdulden.

Daß andererseits entgegen politischer Umstände auch kaum glaubhafte Realisierungen möglich waren (89 Brasch – Hg. Jentzsch, 126 Greßmann und 127 Ginsberg – Hg. Pietraß, 189 Dylan – Hg. Oehme), war sicher ebenso dem besonderen Status des »FDJ-Verlages« zu verdanken!

Die Gruppe der politisch Verhinderten – die peuapeu durch die späte Aufnahme in die Reihe ihre nachträgliche Anerkennung erfahren (haben) – umfaßt etwa 50 Hefte bzw. Autoren, wobei deren Schicksale und Leiden keinesfalls mit denen der Verfemten des Faschismus vergleichbar sind; als Schande für den Staat DDR und letztlich als eine der vielfältigen Ursachen für dessen ruhmlosen Untergang ist sie jedoch jedenfalls anzusehen.

 

(Die Nennung der gescheiterten Projekte erfolgt in alphabetischer Reihenfolge:)

Ursula Adam

Henryk Bereska

Reinhard Bernhof wurde zunächst relativ früh schon Ende der 60er Jahre von Bernd Jentzsch in Vorbereitung eines Poesiealbums zu Gesprächen gebeten, die aber folgenlos blieben. Angesichts etlicher in der DDR erschienener Gedichtbände (Aufbau und Insel-Verlag) ist die Ablehnung eines Poesiealbums nicht unmittelbar zu erklären; eine vom Autor in den 80er Jahren selbst vorgenommene Nachfrage zu einer Erscheinung wurde vom Verlag mit der Begründung „Papiermangel“ wiederum abgelehnt. Das hing vielleicht mit dem durch die Stasi geführten Vorgang zum Autor „Poet“ zusammen [7].                                                                                                              —> Pa 331

Wilfried M. Bonsack

Thomas Böhme erhielt trotz 3er Lyrikbände im Aufbau-Verlag und der 1983 durch Helmut Richter begonnenen Auswahl für ein Poesiealbum wahrscheinlich wegen seiner Nennung auf einer 28namigen Liste der Stasi von »Mitarbeitern an alternativen Literaturzeitschriften« [7] keine Weiterbearbeitung und Realisierung.                                                                                       —> Pa 347

Heinz Czechowski. Zählte ab Dez. 1977 zu dem vom ZK der SED so benannten „negativ-feindlichen Kern der Kulturschaffenden in der Hauptstadt der DDR", womit beauftragte „Maßnahmen“ durch das MfS verbunden waren [7]. Trotz etlicher Lyrikbände (auch danach) in renommierten DDR-Verlagen war ein Poesiealbum damit tabu.

Adolf Dresen »hat schon immer geschrieben: Geschichten, Tagebücher und Gedichte« [Schütt]; er leckte aber mit seiner Theaterarbeit an den Festen des ›sozialistischen Humanismus‹, weshalb seine Dichtung – und erst recht nach seinem Weggang infolge der Biermann-Affäre – zu DDR-Zeiten als Politikum galt.                                                                                                          —> Pa 332

Edeltraud Eckert

Adolf Endler

Elke Erb war bis 1959 Landarbeiterin und studierte anschließend Germanistik, Slawistik, Geschichte und Pädagogik. 1963 machte sie ihr Lehrerexamen, arbeitete jedoch bis 1965 als Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag … Ihre Nähe zur unabhängigen Friedensbewegung, die Mitarbeit an einer inoffiziellen Lyrik-Anthologie und ihr Protest gegen die Ausbürgerung des Bürgerrechtlers Roland Jahn führten zur Überwachung durch die Staatssicherheit [Wikipedia]. Damit war ihr ein Poesiealbum verwehrt.                                          —> Pa 301

Roland Erb

Jürgen Fuchs galt bereits in der Schulzeit wegen seiner kritischen Äußerungen während der westdeutschen Studentenproteste und des Prager Frühlings 1968 als „politisch unzuverlässig“. Er schrieb Gedichte und arbeitete mit dem Arbeitskreis Literatur und Lyrik um Lutz Rathenow zusammen. Nach einem Auftritt mit Bettina Wegner und Gerulf Pannachn (Texter der Band Renft) wurde er 1975 aus der SED und der FDJ ausgeschlossen. Kurz vor dem Abschluß seiner Diplomarbeit wurde er wegen seiner Gedichte und Prosawerke vom Disziplinarausschuss der Universität Jena zum „Ausschluß von allen Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR“ verurteilt und politisch zwangsexmatrikuliert. Nach Protesten gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann wurde er im November 1976 wegen „Staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet und nach 281 Tagen U-Haft im Stasi-Gefängnis zur Ausreise nach Westberlin gezwungen. Ein Poesiealbum war damit tabu.               —>(Pa 356)

Uwe Greßmann hatte Hg Bernd Jentzsch auf seiner Projektliste; wurde zweimal abgelehnt. Erst der sehr sensiblen Argumentation und geschickten Auswahl von Richard Pietraß gelang zu einem günstigen Moment der Kulturpolitik die Realisierung des Heftes.      —> Pa 126

Anne Gollin

Charlotte Grasnick

Ulrich Grasnick

Uwe Grüning veröffentlichte seit Mitte der 70er Jahre auch Gedichte. Die Mitarbeit an einem unter die Beobachtung der Stasi geratenenen Literaturprojektes führte zur Eröffnung eines "Vorganges" gegen ihn. Das verhinderte trotz weiterer Lyrikbände in renommierten DDR-Verlagen die Entstehung eines Poesiealbums.                                                                                                          —> Pa 280

Lars Gustafsson (SE) hatte als schwedischer Dichter schon die wohlwollende Zulassung zu einer Heftauswahl erreicht, als er sich bei einer internat. Tagung »abfällig über die sozialistischen Länder äußerte«. Daraufhin mußte die weitere Arbeit am Heft eingestellt werden.[2]

Wolfgang Hilbig publizierte vor seiner 1. Veröffentlichung in der DDR 1983 bei Reclam zuvor schon 1979 in der BRD bei Fischer, was ihm ein Verfahren wg. "Devisenvergehen" einbrachte. Zudem mißtrauten seinem unkonventionellen und unsteten Lebensstil staatl. Stellen, ein Poesiealbum war nicht vorgesehen.                                                                                                                   —>  Pa 284

Peter Huchel hätte auf Hinweis der DDR-Oberen schon Anfang der 70er Jahre ein Heft mit einer »klugen Auswahl« (Hager) haben können, was jedoch eifernde Kleingeister hintertrieben  [5]. Als er in den 80er Jahren auch offiziell rehabilitiert war,  lehnte in der Vorbereitungsphase die Witwe Monica Huchel eine Lizensierung ab: In der DDR sollte keine Zeile von Peter Huchel mehr erscheinen [3].              —> Pa 277

Bernd Jentzsch hat sich als Lyriker in der Funktion als jahrelanger Herausgeber der Reihe mit einem eigenen Heft vornehm zurückgehalten; nach seinem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung und seinem Verbleib in der Schweiz bzw. BRD, was als "Republikflucht" gewertet wurde, war bis zum Ende der DDR kein Poesiealbum möglich.                                                                                      —> Pa 276

Sarah Kirsch, Hg+Auswahl Bernd Jentzsch. Das Heft war nach einer ersten Verschiebung von Position 113 dann als Nr. 122 nach Schlußkorrektur durch die Autorin (Manuskript signiert: "Sarah Kirsch 19.12.1976") im Herbst 1977 druckfertig [2] und durfte nicht mehr erscheinen, da SK infolge der Biermann-Affäre die Ausreise aus der DDR beantragt hatte. Bei einem Besuch von Verlagsleiter und dem neuen Poesiealbum-Lektor Pietraß wurde ihr angeboten, daß das Heft nach einer Abstandszeit »etwas später« erscheinen könne; das wurde jedoch bis zum Ende der DDR nicht realisiert.                                                                                                                                    —> Pa 330

Zu einem Heft von Andreas Koziol gab es schon konkrete Vorbereitungen: als Grafiker war Andreas Hegewald für die Heftgestaltung beauftragt.

Ralf-Günter Krolkiewicz

Frank-Wolf Matthies

Radjo Monk

Gert Neumann

Bert Papenfuß

Utz Rachowski wurde nach der Verbreitung von Texten Kunzes, Fuchs', Biermanns und Pannachs wegen »staatsfeindlicher Hetze‹ (Akte "Wolke" und "Renegat") zu langjähriger Haft verurteilt und aus dem Cottbuser Gefängnis in die BRD entlassen, weshalb ein Poesiealbum seiner eigenen Gedichte überhaupt nicht in Betracht kam.                                                                                                    —> Pa 339

Lutz Rathenow studierte an der Uni Jena, Gründung eines Arbeitskreises ›Literatur und Lyrik Jena‹, der 1975 von Kulturfunktionären und dem MfS (OV Pegasus) observiert und verboten wurde. 1977 Exmatrikulation aus politischen Gründen, Transporthilfsarbeiter, Beifahrer. Konspirative politische Arbeit in Ostberlin. 1980 Verhaftung und dreimonatige U-Haft wegen seines ersten nur in der BRD erschienenen Buches ›Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet‹. Durch prominente Fürsprache (ua. Christa Wolf und Günter Grass) Haftentlassung; er blieb jedoch in der DDR und lehnte Ausreiseangebote der DDR-Behörden ab. Damit konnte kein Poesiealbum von ihm erscheinen.                (—> Pa 366)

Andreas Reimann hatte schon 1973 den "Optionsbrief" als Vereinbrung zu einem  Heft vom Verlag erhalten und eine Auswahl mit Bernd Jentzsch besprochen, die Erscheinung sollte 1975 erfolgen. Gründe für die Verzögerung bis zur ›Republikflucht‹ von Jentzsch sind unbekannt. Danach blieb die Auswahl »unbeachtet im Schubfach liegen« (Reimann) und wurde nicht weiter verfolgt; trotz zweier Gedichtbände im Mitteldeutschen Verlag kam ein Poesialbum nach der Verurteilung und Haft von Reimann in Bautzen sowie der Stasi-Beobachtung (Akte ›Autor‹) dann sowieso nicht mehr infrage.                                                                                                                        —> Pa 336

Christa Reinig erhielt wegen ihrer unangepaßten Haltung gegenüber jeglicher Autorität bereits 1951 ein Publikationsverbot der DDR-Behörden, so daß ihre Werke ab den 50er Jahren ausschließlich in westdeutschen Verlagen erschienen. Gleichzeitig zu ihrer Mitarbeit am ›Eulenspiegel‹ wirkte sie bis 1960 in Westberlin in der Gruppe sogenannter ›Zukunftsachlicher Dichter‹ mit und gab die Zeitschrift ›Evviva future‹ heraus. Das schloß ein Poesiealbum – erst recht nach ihrer Republikflucht 1964 – aus.                                   (—> Pa 360)

Thomas Rosenlöcher

Salli Sallmann verlor während seines Studiums für Ingenieuökonomie zunächst wegen "wiederholtem Vortrag feindlich-zersetzender Textinhalte“ 1974 die Amateur-Auftrittserlaubnis und wurde kurz vor Studienende wegen seiner Kontakte zu Wolf Biermann und „konterrevolutionärer Aktivitäten“ exmatrikuliert. Während der "Bewährung in der Produktion" und Ableistung des Grundwehrdienstes trug er weiterhin selbstverfaßte Texte und Lieder vor, weshalb das MfS ihn wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftete und nach Westberlin gegen Devisen verkaufte; damit war ein Poesiealbum unzulässig.                                                                         (—> Pa 372)

Hans-Joachim Schädlich

Gabriele Stötzer

B. K. Tragelehn, Auswahl war als Poesiealbum 128 von Herausgeber Bernd Jentzsch schon fertiggestellt, (lt. Nachfolger Richard Pietraß existierten Druckfahnen), der Umschlag ist überliefert [6]. Nach mehrfachen Berufsverboten (zwischendurch durch Paul Dessaus Intervention aufgehoben) wird Tragelehn nach einem Eklat um Strindbergs ›Fräulein Julie‹ im BE »gemeinsam mit Schleef nun endgültig der DDR-Öffentlichkeit entzogen; eine erste Gedichtsammlung in der Reihe ›Poesiealbum‹ wird ebenfalls gekantet«. [4] Dazu erschien eine Anzeige: »Das Heft 128 erscheint zu Ludwig Uhland«. (Siehe fehlende Ankündigung in Pa 127.)                                                      —> Pa 333

Günter Ullmann

Bernd Wagner stand als Mitunterzeichner des Protestes gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 und als Mitherausgeber der illegalen Literatur-Zeitschrift ›Mikado‹ unter Stasi-Beobachtung, später direkt durch IM ›David Menzner‹ und hatte trotz einer Veröffentlichung seiner Gedichte im Aufbau-Verlag nach seiner eigenen Ausbürgerung 1985 nach Westberlin keine Chance, ein Poesiealbum zu erhalten.          —> Pa 345

Lothar Walsdorf

Jens Wonneberger

Ulrich Zieger

 

 

________________________________________________________________________________________

Diese Aufstellung ist sicher unvollständig; für ergänzende Mitteilungen von  Beschränkungen und Zensureingriffen ist der Chronist dankbar.

Quellen:
[1]
BJ in Poesiealbum 278(1.)
[2] Gesprach mit BJ am 17.9.2007 in Euskirchen
[3] Gesprach mit MH in Staufen
[4] Neues Deutschland 12.4.2011: Staaten auf Sand. Also wozu Erdbeben?
[5] BJ: Welt-Echo, Verlag Haus Schlangeneck 2006
[6] Wichner/Wiesner: Zensur in der DDR. Lit.haus Berlin 1991
[7] Sicherungsbereich Literatur. Links-Verlag Berlin 1996