Verhinderte Hefte

Die Konzeption der Reihe „Poesiealbum“ sah die Wiedergabe und Bewahrung progressiver, weltoffener Lyrik vor. Die Gründungsdokumente enthielten gemäß dem allgemeinen Staatsbekenntnis der DDR noch die Attribute: antifaschistisch, demokratisch und fortschrittlich; wobei dem jungen, sozialistischen Realismus ein Schwerpunkt, wie auch der freundschaftlichen Verbundenheit zu den sozialistischen Bruderländern gewidmet war. Besonders verpflichtet sollten sich die Verantwortlichen dem "Deutschen Erbe" (zB. Friedrich Rückert) bzw. dem "Proletarisch-revolutionären Erbe" (zB. Friedrich Wolf) fühlen.
Dessenungeachtet strebten die Macher eine umfassende Aufnahme lyrischer Glanzleistungen und Besonderheiten und selbstverständlich auch international bedeutender Autoren in das Programm an.
Das gelang nicht immer.
Die Bindung der Reihe an den Verlag Neues Leben, der durch den Zentralrat der FDJ geleitet wurde, führte dazu, daß alle Vorhaben dort begut- bzw. beschlechtachtet wurden. Sowohl Verlagsleiter als auch Herausgeber der Reihe mußten mehrfach Eingriffe in vorgelegte Projekte erdulden.

Ernst Jandl  fiel bei einer Probelesung, die Bernd Jentzsch vor Cheflektor und Verlagsleiter schon Anfang der 7oer Jahre halten mußte, durch. Nachdem sie schon mit dem Namen Ernst Jandls nichts anfangen konnten, „scheiterte der Weltautor an der Kreisklasse des Geistes“. [1]  
                                                                                                                                                                         —>Pa 278

Sarah Kirsch, Hg+Aw Bernd Jentzsch, war als Poesiealbum 122 druckfertig [2] und durfte nicht mehr erscheinen, da SK die Ausreise aus der DDR beantragt hatte.

Thomas Eliot: war als  Poesiealbum 123 in Auswahl von Bernd Jentzsch fertiggestellt [2]. Lt. Nachfolger Richard Pietraß existierten schon die Druckfahnen, wurde wegen der Republikflucht von BJ ersetzt.

Ingeborg  Bachmann  war als Poesiealbum 128 lt. Richard Pietraß druckfertig; wurde wegen der Republikflucht von BJ Kurzfristig ersetzt. (Siehe fehlende Ankündigung in Pa 127.)

B.K. Tragelehn, war von Bernd Jentzsch schon fertiggestellt, (lt. Nachfolger Richard Pietraß existierten schon Druckfahnen), wurde wegen der Republikflucht von BJ ersetzt.

Peter Huchel, sollte nach jahrzehntelanger Ächtung durch die DDR-Oberen endlich Mitte der 80er Jahre ein Heft bekommen. In der Vorbereitungsphase wurde das von der Witwe Monica Huchel abgelehnt: In der DDR solle keine Zeile mehr von P.H. erscheinen [3]. —>Pa 277

Vom Verlag Neues Leben waren in einer Vorschau (in Pa 268 bzw. Pa34 (2.), 1990) für 1990 noch angekündigt und dann wegen Einstellung der Reihe nicht mehr erschienen:
George Brassens  als Poesiealbum 276
Ina Kutulas  als Poesiealbum 277 oder
Mario Persch  als Poesiealbum 277
Robert Burns  als Poesiealbum 278
August Stramm  als Poesiealbum 279

Hermann Kasack  war als ein Potsdamer und wegen seiner weitestgehend unbekannten Lyrik zunächst 2007 für die Wiederaufnahme der Reihe unter Mitwirkung des Potsdamer Literaturkollegiums für Heft 277 vorgesehen. Mit dem Einstieg des Ur-Gründers der Reihe Bernd Jentzsch als Herausgeber und den Bindungen des Wilhelmshorster Verlegers zu Peter Huchel wurde dieser vorgezogen.                               —> Pa 291

 

Diese Aufstellung ist sicher unvollständig; für ergänzende Mitteilungen von  Beschränkungen und Zensureingriffen ist der Chronist dankbar.

Quellen:
[1]
BJ in Poesiealbum 278
[2] Gespräch mit BJ am 17.9.2007 in Euskirchen
[3] Gespräch mit MH in Staufen